Tränen auf grauem Zement
15/03/2003 13:25

Elisabeth Katzmann wurde vor 17 Jahren in der UdSSR geboren. Im Alter von fünf Jahren immigrierte sie nach Israel. Sie sprach fließend hebräisch, ohne Akzent. Sie hatte schneeweiße Haut, rosige Wangen und kohlenschwarzes Haar. Liz, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, war auch als Schneewittchen bekannt. Sie ist eines der 17 Opfer des Terroranschlags von Haifa. Ein Anschlag, der auch dem jüdisch-arabischen Zusammenleben in der multikulturellen Hafenstadt galt. Ein Mitschüler berichtet.

Von Vadim Sirotnikov, 10. März 2003, Übersetzt von H. Schubert / NahostFocus

Ich kannte Liz nicht sehr gut. Aber es gab kaum jemanden an unserer Schule in Haifa, der ihren Namen oder ihr Gesicht nicht kannte. Sie war immer freundlich und wenn sie mich sah lächelte sie, s! agte "Hi" und sprach mich mit meinem Namen an.

Liz belegte Kurse in Theater und Kommunikation und galt als sehr talentiert. Sie war für den Schulbeitrag im örtlichen Fernsehen verantwortlich. In drei Wochen sollte sie als Hauptfigur in einer Schultheateraufführung auf der Bühne stehen, "Die besten Freunde". Die Proben liefen gut.

Vergangenen Mittwoch gingen Liz und ihre beste Freundin nach der Schule in die Stadt, um zu bummeln und nach Kostümen für die Aufführung zu schauen. Danach fuhren die beiden mit dem Bus ins obere Stadtzentrum, wo sie den Bus für die Fahrt nach Hause bestiegen.

Am gleichen Mittwoch kam ein 21 Jahre alter Palästinenser, ein Student der Polytechnischen Universität in Hebron (Westjordanland, A.d.R.), im oberen Stadtzentrum von Haifa an. Er hatte schon seit drei Tagen keinen Kontakt mit seiner Familie. An seinem Körper trug er mehr als 50 kg Sprengstoff gespickt mit Nägeln und Metallteilen. Plus einen Abschiedsbrief, der den! Sieg des Islams über Amerika und Israel am 11. September verkündete.

Gegen 14 Uhr besteigt er einen israelischen Bus. Selbstmordattentäter vor ihm waren angespannt und nervös, befürchteten entdeckt zu werden und explodierten Sekunden nachdem sie den Bus bestiegen hatten. Dieses Mal war der Terrorist sich seiner selbst gewiss. Er trug hübsche Kleidung und passte gut in diese gehobene Mittelschichtumgebung.

Bus Nr. 37 fährt in Richtung der Universität von Haifa, eine Universität mit einer großen Zahl an arabischen Studenten und einer aktiven arabischen Studentenvereinigung und Vertretung. Haifa ist eine "Festung" des jüdisch-arabischen Zusammenlebens in Israel. Es ist die drittgrößte Stadt in Israel und hat eine große arabische Bevölkerung. In der kommunalen Verwaltung haben Araber Schlüsselrollen inne.

Der Terrorist bleibt ruhig. Der Bus ist halb leer, daher wartet er ein paar Minuten, lässt ein paar Haltestellen passieren, damit mehr Leute zusteigen. Er! geht langsam in die Mitte des Busses, auf eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu. Er will, dass sie alle sterben.


Viertel nach zwei


Mein Physikunterricht ist gerade vorbei und mein Vater wird mich abholen, um mich zum Zahnarzt zu fahren. Der Termin wurde mehrfach verschoben und mittlerweile habe ich ein ziemlich großes Loch in einem Vorderzahn.
Viele Schüler sind auf dem Weg nach Hause. Ich beobachte die vorbeifahrenden Autos. Ein Polizeiwagen beschleunigt plötzlich.

Dann kommt der Schulwachmann auf mich zu (bei uns gibt es am Eingang jeder Schule bewaffnete Wächter, das fordert ein Gesetz, nachdem Terroristen Schulen zum Ziel machten). "Worauf wartest du?", fragt er.
Ich denke, dass ich vielleicht mit meiner dicken Jacke und der großen Tasche verdächtig aussehe.

"Mein Vater holt mich hier ab," antworte ich.

"Es gab einen Selbstmordanschlag," informiert er mich.

Haifa ist eine nördliche Stadt, relat! iv weit von der "Grünen Linie" (Grenze zwischen Israel und den besetzten Gebieten, A.d.R.) entfernt. Trotzdem haben wir viele tödliche Terroranschläge erlebt und einige konnten von der Polizei vereitelt werden. Der letzte Terroranschlag in Haifa liegt beinahe ein ganzes Jahr zurück. In einem israelisch-arabischen geführten Restaurant, unweit des größten Einkaufszentrum im Nahen Osten. Meine Mathelehrerin verlor beinahe ihre ganze Familie. Sie selbst erlitt eine schwere Kopfverletzung und verlor ein Auge. Sie kam nie mehr zurück zum Unterricht.

Trotzdem denken viele hier, dass wir sicher sind. Besonders weil die Bevölkerung gemischt ist. Es gab Araber unter den Opfern und Araber unter den Rettungskräften. Die Bewohner versuchen, das ohnehin schon fragile Zusammenleben nicht zu gefährden.

Aber ich bin jetzt schockiert. Die meisten meiner Freunde leben in den oberen Stadtbezirken oder fahren mit Bussen dorthin. Sie müssten sich jetzt auf dem Nac! hhauseweg befinden.

"Ich weiß nicht viel," sagt der Polizist.

"Ich habe einen kleinen Radioempfänger, aber offiziell darf ich bei der Arbeit nicht Radiohören. Wenn du mitkommst, mache ich es für dich an und ich höre mit. "

Wir gingen in den Wachraum und er machte das Radio an.

"Diese Meldung kam gerade rein: Terroranschlag in Haifa. Auf der Moriahstraße. Ein Bus ist explodiert... das Dach ist weggesprengt... steht in Flammen... Rettungsteams kämpfen sich durch den Mittagsverkehr..."

Ich versuche meine Eltern anzurufen, um ihnen zu sagen, dass es mir gut geht. Das Netz ist tot. Es gibt Mobiltelefonantennen an jeder Straßenecke, aber die Netze sind schnell überlastet.

Außerdem werden die Mobilnetze nach einem Anschlag ausgesetzt. Einige Male haben Terroristen Mobiltelefone als Auslöser für eine Folgedetonation benutzt. Sie hinterlassen einen Bombe, die mit einem Handy verbunden ist und fünf Minuten nach der ersten Explosion, nachdem ! die Rettungskräfte angekommen sind, wählen sie das Mobiltelefon an und bringen so eine weitere starke Bombe zur Explosion, welche Überlebende und Rettungskräfte tötet.

Plötzlich fährt ein Auto vor und der Vater eines Klassenkameraden steigt aus.

"Wo ist mein Sohn?", fragt er. "Wann war Schulschluss? Hat jemand eine Ahnung?"

Wir wissen es nicht. Ein andere Klassenkameradin kommt vorbei. "Eric ist früher nach Hause gegangen," beruhigt sie den besorgten Vater. "Er müsste schon zu Hause sein."

Ich lehne ab, dass er mich mitnimmt. Ich hoffe, dass mein Vater mich abholt - was einige Minuten später auch so geschieht. "Ich konnte dich nicht erreichen, deshalb bin ich gekommen, um dich nach Hause zu bringen."

Ich muss an alle Leute denken, die ich kenne, die betroffen sein könnten. Taurus ging eine Stunde früher nach Hause, weil ein Wasserrohr bei ihm zu Haus gebrochen war. Er könnte in dem Bus gesessen haben, aber nicht sehr wahrscheinlich. Ich ka! nn ihn jetzt nicht erreichen.

David könnte in dem Bus sein. Vielleicht hatte er was an der Uni oder in der Stadt zu tun. Zuhause angekommen rufe ich bei ihm an. Seine Mutter antwortet mit verängstigter Stimme.

"Ist David da?", frage ich.

"Nein, er ist nicht da. Wer spricht da?". Sie hofft, dass ich wüsste, wo er sei.
"Ich bin ein Freund von ihm. Ich rufe später noch einmal an," sage ich und denke, dass es besser sei, die Leitung frei zu halten, damit er seine Mutter anrufen kann.

Meine Großmutter kommt nach Hause. Sie ist schockiert über die Nachrichten.
"Ich saß in dieser Linie nur eine Stunde vorher! Und deine 7 Jahre alten Zwillingscousins sind eine Stunde davor auch damit gefahren."

Ich gehe ins Internet. Das ICQ Nachrichtensystem ist voll mit Leuten, die nach Informationen suchen. Kettenbriefe gehen mit Lichtgeschwindigkeit durch.

"Von Amit wurde seit dem Terroranschlag nichts mehr gesehen oder gehört. Falls ihn jemand ge! sehen hat, bitte rufen sie seine Eltern an. Die sind krank vor Angst."

Nach einer Weile die Nachricht: "Amit ist ok. Bitte weitergeben." Puh.
Aber leider ist das die einzige gute Nachricht.

"Meine beste Freundin Liz ist noch nicht zu Hause angekommen," schreibt mein Freund Roni.

"Liz?", frage ich. Ich habe ein schlechtes Namensgedächtnis.

"Du weißt schon, das blasse Mädchen mit den langen schwarzen Haaren."

"Könnte sie nicht nur verletzt sein?", schlage ich vor.

"Nein. Ihre Eltern haben alle Krankenhäuser angerufen. Sie ist vermisst oder tot."

Schwarz und fett gedruckt

Die Wände unserer Schule sind aus grauem Zement. Das war damals anscheinend beliebt. Heute hält man es für hässlich und das stimmt, aber Farbe hält an den nackten Zementmauern nicht.

Heute sind die Wände noch grauer als sonst.

Ein Fernseher bricht das Schweigen. Jemand gibt die Morgenzeitung rum. Die Leute fangen an, von ! ihren Erlebnissen zu berichten. Jemand kennt mehrere der Todesopfer. Einer ist der Explosion knapp entkommen. Einer lief zum Tatort und half Menschen zu retten. Der unaussprechliche Horror lässt ihn in Tränen ausbrechen... ein weiteres Mal.

Der Schuldirektor verkündet, dass er mit den Eltern von Liz gesprochen hat. Es wurde bestätigt, dass sie unter den Toten ist. Bald kommen wir zu einer Trauerzeremonie zusammen. Die, die Liz kannten, bleiben draußen und weinen. Die, die sie nicht kannten, vermeiden darüber zu sprechen.

Die Zeremonie beginnt mit Lesungen von Lehrern und ihren Freunden. Liz\' Bild hängt an der Wand. Ein drei Jahre altes Bild, das bei ihrer Schulzulassung aufgenommen wurde. Daneben ihr Name in schwarzen fettgedruckten eckigen Druckbuchstaben - so wie in Todesanzeigen üblich. Und Kerzen. (In Israel gewöhnt man sich an Friedhofskerzen)

Die Redner sprechen von Liz. Verabschieden sich. Sprechen Gebete für ihre Seele. Sprechen Gebete für den F! rieden. Einer trägt einen Song vor, den er gerade für sie geschrieben und komponiert hatte. Es ist schwer, Schüler weinen zu sehen. Es ist noch schwerer, deine Lehrer und den Schulvorstand trauern zu sehen.

Ich versuche, nicht in Tränen auszubrechen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht weil ich fühle, dass ich kein Recht habe zu weinen, weil ich Liz gar nicht so gut kannte.

Das perfekte Wetter draußen wird zu einem perfekten Sturm. Ich will zu dem Ort des Terroranschlags, aber ich kriege keine Mitfahrgelegenheit. Und es regnet stark. Ich kriege eine Fahrt nach Hause und schlafe den Rest des Tages.
Ich schaue mir die Spätnachrichten an und sehe Liz\' Bild unter den Opfern. Sie haben ihren Namen falsch geschrieben und ihr Alter falsch angegeben. Außerdem haben sie ein wirklich schlechtes Bild ausgewählt, für so ein hübsches Mädchen. Ich gehe wieder zurück ins Bett.

Und der Himmel weinte

Am nächsten Tag versuchen wir mit dem Unterri! cht weiterzumachen. Kein Lehrer fordert heute Disziplin oder notiert das Kommen und Gehen von Schülern. Wie könnte man jemanden, der innerlich zerrissen ist, dazu bringen, in einem Klassenraum zu sitzen? In einem Raum mit Liz\' Stuhl, der jetzt für immer leer bleibt... Wir besteigen die Busse zu Liz\' Beerdigung. Ich kann noch immer nicht glauben, dass sie tot ist. Die ganze Schule ist da. Und Schüler von anderen Schulen. Ehemalige Schüler kommen vom Armeedienst. Vertreter der Regierung sind da. Warum kommen sie nicht zu freudigen Ereignissen? Nur zum Trauern.

Dann kommt die Familie von Liz. Ich kann den Anblick ihres Schmerzes nicht ertragen. Ich drehe mich um. Was sie sagen, schneidet einem ins Herz wie Rasierklingen, und du fühlst, dass du Blut auf dein Hemd weinst. Von allen Leuten wurde das lebhafteste, unschuldigste und talentierteste Mädchen von einem grausamen Mörder aus der Welt genommen.

Als der Rabbiner mit den Trauergesängen einsetzt wird Liz\' Sarg! in einen gesonderten Bereich des Friedhofs getragen, der den Terroropfern gewidmet ist. Normalerweise wird ein toter Körper in ein Leichentuch gewickelt und so beerdigt. Liz nicht. Ihr Körper, kaum wiederzuerkennen, ohne menschliche Konturen, ist nicht in einem Zustand so umwickelt zu werden. Dieses Mal wurde ein Sarg benutzt.

Eine Menge von einigen hundert trauernden Menschen steht in absolutem Schweigen. Die Gebete sind beendet und langsam, einer nach dem anderen, gehen Menschen an ihrem Grab vorbei und legen eine Blume nieder, ein Bild, oder einen Stein, da wo ihr Körper vor einigen Minuten gebettet wurde. Die Israelis stehen ruhig in der brennenden Sonne, schwarz gekleidet, schweigend und warten geduldig bis sie dran sind. Der einzige Ort, wo Israelis nicht drängeln, ist der Friedhof, so zynisch das klingen mag.

Als ich am Grab stehe, fühle ich mich immer noch wie in einem Traum. Ich schaue auf ihr Bild und halte alles für ein bizarre Parade. Ich kannte nu! r ihren Namen und ihr Bild. Ich kam, weil ich wünschte, ich hätte sie besser gekannt. Ich kam, um mich zu revanchieren. Für die Male, die sie mich angelächelt und meinen Namen gesagt hat und mich damit für ein paar Sekunden hat toll fühlen lassen.

Ich lege einen Stein auf ihr Grab. Der fällt irgendwo hinter die Blumen. Beim Weggehen bemerke ich einen Grabstein mit einem bekannten Namen. Es ist die Tochter meiner Mathelehrerin, die vor einem Jahr getötet wurde. Ich seufze und lege einen weiteren Stein auf ihr Grab. So viele Opfer. So viele frisch gehobene Gräber. Bedeckt mit frisch gepflückten Blumen.

Als ich den Friedhof verlasse, spüre ich einen nassen Tropfen. Es regnet, aber nicht so stark wie am Vortag. Die Sonne versteckt ihr tränendes Augen hinter einer Wolke. Der Regen streicht über unsere Köpfe, sanft, freundlich, in Zuneigung.

Als ich in den Matsch trete, der Himmel über meinem Kopf weinend, denke ich an das Mädchen, dass ich zurück gelassen hab! e, ganz allein in der kalten Erde, in einem Sarg und einem Leichensack. Ich glaube, dass ich mehr als einen Stein bei ihr gelassen habe. Ich erwarte immer noch, dass die ganze Sache aufhört und sie dann wieder da ist. Sie ist so wirklich und so lebendig. Und ihr Lächeln ist so groß und heilend.

Aber ich kannte Liz Katzmann kaum. Und leider werde ich das niemals.


Nahostfocus

Quelle: www.aish.com


S. Salomon ( 15/03/2003 13:25 )
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